
INFO
Von Mag. WERNER KRÄUTLER
Unser Ziel ist die Erhaltung des kulturellen Erbes der Tiroler Alpen
Unsere Motivation als Hobby-ForscherInnen, englisch Citizen Scientists, wurzelt einerseits in prähistorischer Neugier und andererseits in unserer tief empfundenen Ehrfurcht vor der alpinen Landschaft selbst. Die Berge sind Orte, die seit Jahrtausenden als heilig wahrgenommen werden. Es ist unser tiefer Respekt vor den Tiroler Berglandschaften, der die Suche nach Schalensteinen, die Erkundung von Steinkreisen und das Aufspüren von Menhiren und prähistorischen Kultplätzen begründet.
Berge als göttliche Sphäre
Die Alpen besitzen ein kulturelles Gedächtnis, das nachweislich weit zurück in die Mittlere Steinzeit reicht. Letzte Überreste prähistorischer Aktivitäten – uralte Wege, Opferplätze, Steinmonumente – zeugen heute noch davon, dass Menschen schon früh eine besondere Beziehung zu dieser Landschaft entwickelten. Die Berge ragten nicht nur physisch über die Täler hinaus, sondern auch symbolisch über das Alltägliche. Sie wurden von unseren Vorfahren als Schnittstellen zwischen der Welt der Menschen und einer übergeordneten, göttlichen Sphäre verstanden.
Vorgeschichtliche Warnungen gelten heute mehr denn je
Eine ganz spezifische prähistorische Glaubensvorstellung hat sich bis in die Gegenwart in der Tiroler Sagenwelt erhalten. Die sogenannten "Saligen Fräulein“ sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Diese weiblichen Naturwesen, die in vielen Erzählungen auftreten, verkörpern bis heute die Verbindung zwischen Mensch und Bergwelt.
Die katholische Kirche hat die auf den einstigen drei rätischen Göttinnen basierenden "Saligen" Jungfrauen (selige Jungfrauen) sogar in den Glaubenskanon aufgenommen. Sie helfen den Menschen, bringen Glück und Schutz – allerdings nur so lange, wie diese im Einklang mit der Natur leben. Zahlreiche Sagen berichten davon, was geschieht, wenn dieses Gleichgewicht gestört wird: Die "Saligen“ ziehen sich zurück, verschwinden spurlos, und mit ihnen verschwindet auch das Wohlwollen der Natur, fruchtbare Almen verschwinden unter Steinlawinen, Siedlungen verschwinden unter "ewigem Schnee".
Für uns Hobby-ForscherInnen sind diese Erzählungen keine bloßen Märchen, sondern kulturelle Hinweise auf eine uralte Weltsicht: Berge besitzen eine spirituelle Dimension mit einer eigenen Wesenheit. Die zu stören bedeutet Verlust und Katastrophe. Warnungen, die uns heute eigentlich aus unserer materiell bedingten Lethargie wecken sollten.

Wenns Farmie mit Blick zum Tschirgant, im Vordergrund eine mögliche Trasse eines urzeitlichen alten Weges.
Viele prähistorische Steinsetzungen befinden sich mit Blick zu besonders pyramidenförmigen Bergen. Der "Heilige Berg" des Tiroler Oberlandes, der Tschirgant, ist vom Fundort eines wunderbaren Schalensteins aus in majestätischer Größe zu bewundern. In Wenns-Farmie im Pitztal konnten vier Schalensteine entdeckt werden, ein Fünfter wurde wahrscheinlich gesprengt. Die Steine liegen unseres erachtens auf dem alten Pilgerweg zum Brandopferplatz am Piller Sattel.
Informations- und Kalendersteine
Der zentrale Bestandteil unserer Arbeit ist die Suche nach Schalensteinen, Steinkreisen, Steinreihen und Menhiren. Schalensteine geben bis heute Rätsel auf. Die in ihre Oberflächen mit einfachen Mitteln eingearbeiteten Vertiefungen wurden bisher entweder gar nicht oder aber unterschiedlich interpretiert. Da die Menschen der Steinzeit mit Sicherheit nicht aus Langeweile irgendwelche Löcher in meist harten Gneis bohrten gehen wir davon aus, dass mit diesen Schalen wichtige Informationen transportiert worden sind. Wir vertreten die These, dass die Anordnung der Schalen eine Art "Schrift" darstellt und "decodieren" viele der von uns entdeckten Schalensteine.
Wir verspielen eben unser "kulturelles Erbe"
Viele der von uns neu entdeckten Menhire und Schalensteine liegen entlang historischer Routen, die über Pässe und durch Täler führen. Sie waren einerseits Orientierungssteine, quasi prähistorische Wegweiser, andererseits verwiesen sie auf Höhlen oder Wasser. Diese Wege wurden über Jahrtausende hinweg genutzt. Sie bildeten vorgeschichtliche Verkehrsadern und waren gleichzeitig kulturelle Linien, entlang derer sich Wissen, Rituale und Geschichten verbreiteten.
Unsere Arbeit erschöpft sich keineswegs nur in der Erforschung der prähistorischen Wegmarkierungen oder Kultplätze in den Tiroler Alpen. Unsere Arbeit ist ein dringender Appell an uns alle, unsere Berge mit mehr Respekt zu behandeln. Infrastrukturprojekte, Massentourismus und wirtschaftliche Interessen verunstalten immer mehr eine sensible, einst "heilige" Landschaft. Die schleichende Zerstörung von Kulturdenkmälern, die über Jahrtausende hinweg eine besondere spirituelle Bedeutung hatten ist die logische Folge. Wir sind drauf und dran, unser kulturelles Erbe zu verspielen.

Ein wunderschöner Schalenstein in Wenns Farmie, Blick Richtung Pitztal, rechts führt der Weg zum Piller Sattel
Die Berge fordern unseren Respekt
Indem wir Schalensteine dokumentieren, Menhire kartieren, Steinkreise und alte Wege rekonstruieren, wollen wir einen Beitrag zur Sichtbarmachung ihrer verborgenen Geschichte leisten. Unsere Arbeit ist vor allem auch eine Hommage an jene versunkene Kultur, die den Bergen ein eigenes Wesen und eine eigene Kraft zugestanden hatte. Wir betreiben deshalb auch keine akademische Forschung im klassischen Sinn, sondern huldigen einer besonderen Form der engagierten, bisweilen auch geistigen Spurensuche in den Alpen.
Am Ende geht es uns um mehr als um Steine. Es geht um die Haltung unserer Gesellschaft. Die Berge, die unsere Vorfahren als heilig betrachteten, fordern Respekt ein. Wir wollen diesen Respekt durch unsere Arbeit fördern.
Wer sich von unserer Arbeit angesprochen fühlt, wer Schalensteine, Menhire oder Steinkreise kennt, kann sich gerne bei uns melden, wir freuen uns über interessierte Menschen und neue Funde.