
ARCHÄOASTRONOMIE
Von ROLAND GRÖBER
Indizien für frühes astronomisches Wissen
Die Archäoastronomie untersucht astronomische Kenntnisse vergangener Kulturen, etwa durch die Analyse der Ausrichtung von Bauwerken, Megalithanlagen oder Steinsetzungen. Sie verbindet archäologische und astronomische Methoden, um zu verstehen, wie antike Gesellschaften den Himmel deuteten – für religiöse Vorstellungen, Kalenderwesen oder Navigation.
Die Archäoastronomie wird gelegentlich auch als Astroarchäologie bezeichnet. Während Erstere eine streng wissenschaftliche Disziplin ist, erscheint der zweite Begriff mitunter auch in esoterischen Zusammenhängen.
Schriftliche Zeugnisse systematischer Himmelsbeobachtung existieren erst seit der Zeit der Babylonier um 2000 v. Chr. Für frühere Epochen sind wir auf indirekte Hinweise angewiesen:
- Bildliche Darstellungen von Himmelskörpern
- Astronomische Ausrichtungen von Bauwerken und Visierlinien
- Markierungen mit möglichem Bezug zu Himmelsereignissen
- Symbolische Darstellungen von Sonne, Mond und Sternen
Beobachtungen von Sonne, Mond und Sternen
DIE SONNE

Der Sonnenaufgang verschiebt sich im Jahreslauf von Südost über Ost nach Nordost, der Sonnenuntergang entsprechend von Südwest über West nach Nordwest. Auf der Nordhalbkugel erreicht die Sonne ihren höchsten Stand stets im Süden; sie erscheint niemals am nördlichen Himmel.
Bildbeispiel Bergheiligtum Pfitscher Sattel bei Meran
Die Sonne war der zentrale Himmelskörper. Ihre regelmäßige Bahn strukturierte das Jahr, ihre Wendepunkte – insbesondere die Wintersonnenwende – markierten existenziell bedeutsame Übergänge, da ab diesem Zeitpunkt die Tage wieder länger werden.
DER MOND
Der Mond war aufgrund seiner auffälligen Gestaltveränderungen von besonderer Bedeutung:
- Phasenwechsel im Rythmus von 29,53 Tagen
- Sichtbarkeit bei Tag und Nacht
- Mit bloßem Auge erkennbare Oberflächenstrukturen
- Größerer Himmelsbereich als die Sonne, aufgrund der Neigung zur Erdbahn
- Durchlauf aller Tierkreissternbilder in einem Monat
- Vollmond als wichtige nächtliche Lichtquelle
Die Mondphasen ermöglichten eine Zeiteinteilung über den Tag hinaus und bildeten die Grundlage früher Mondkalender.
DIE STERNE
Sterne gehen wie Sonne und Mond im Osten auf und im Westen unter, jedoch stets an denselben Punkten. Einige Sternbilder sind saisonal sichtbar, andere – die zirkumpolaren Sternbilder – stehen das ganze Jahr über am Himmel, etwa der Große Wagen. Sie dienten als nächtliche Orientierungshilfe und als "Himmelsuhr“.
Der Himmelsnordpol, um den sich scheinbar alles dreht, besaß in vielen frühen Kulturen mythische Bedeutung. Natur- und Himmelsbeobachtung standen in engem symbolischem Zusammenhang.
Solche Erkenntnisse erforderten langfristige Beobachtungen über viele Jahre, oft über Generationen hinweg.
Beispiele archäoastronomischer Zeugnisse
Das Sonnenobservatorium Goseck in Sachsen-Anhalt ist eine rund 7.000 Jahre alte Kreisgrabenanlage der Jungsteinzeit. Ihre Tore sind exakt auf die Sonnenauf- und -untergänge zur Wintersonnenwende ausgerichtet. Sie gilt als eines der ältesten bekannten Sonnenobservatorien.

Sonnenobservatorium Goseck, Bildnachweis:Bautsch, CC0, via Wikimedia Commons
Die Himmelsscheibe von Nebra (ca. 1600 v. Chr.) zeigt Sonne, Mond und Sterne, darunter die Plejaden. Sie diente vermutlich als komplexer Kalender und verbindet astronomisches Wissen mit mythologischen Vorstellungen. Während Goseck architektonische Archäoastronomie verkörpert, steht die Himmelsscheibe exemplarisch für Kulturastronomie im engeren Sinne.
Die jungsteinzeitliche Grabanlage Newgrange in Irland ist so ausgerichtet, dass zur Wintersonnenwende das Licht der aufgehenden Sonne für wenige Minuten bis ans Ende des langen Ganges fällt.
Auch Stonehenge weist eine klare astronomische Orientierung auf: Zur Sommersonnenwende erscheint die aufgehende Sonne am sogenannten Heelstone. Die Anlage war über Jahrhunderte hinweg ein bedeutendes kultisches Zentrum.
Ein eindrucksvolles Symbolobjekt ist der Sonnenwagen von Trundholm aus der Bronzezeit. Die goldene Vorderseite der Scheibe wird als Sonne, die dunkle Rückseite als Nacht oder Mond gedeutet. Der Wagen symbolisiert die tägliche Himmelsreise der Sonne.
Mondkalender und frühe Zeichen
Funde mit Kerben und Strichmustern werden teils als frühe Mondkalender interpretiert. In Bilzingsleben entdeckte man einen etwa 370.000 Jahre alten Knochen mit regelmäßig angeordneten Ritzungen, die möglicherweise Zählfunktionen erfüllten.

Aus der Geißenklösterle-Höhle stammt ein rund 40.000 Jahre altes Elfenbeinplättchen mit Kerben, die ebenfalls als Zeitdokumentation gedeutet werden.
Die Venus von Laussel (ca. 15.000–10.000 v. Chr.) zeigt 13 Kerben auf einem Stierhorn – möglicherweise ein Hinweis auf die Anzahl der Mondzyklen im Jahr. Das Stierhorn wurde in späteren Kulturen aufgrund seiner Sichelform zum Mondsymbol.
Mit der “Venus” oder “Muttergöttin”, die es in zahlreichen Kulturen gibt, verband man den ewigen Zyklus von Geburt - Leben - Tod. So war auch die Phasenänderung des Mondes oder der Zyklus der Jahreszeiten ein Symbol für die ständige Wiederkehr.
Das Höhenheiligtum am Pfitscher Sattel

Ein jungsteinzeitlicher Kultplatz in Südtirol am Pfitscher Sattel bei Meran in der Texelgruppe liefert eine außergewöhnliche Fülle archäoastronomischer Hinweise. Die Anlage wurde systematisch konstruiert, ist nach Sonnen- und Mondwenden ausgerichtet, berücksichtigt die Kardinalrichtungen und erlaubt gezielte Peilungen auf Aufgänge von Sonne, Mond und Sternen.
Dokumentiert sind unter anderem 18 konkrete Sternbilder, zirkumpolare Sterne sowie heliakische Sternaufgänge als Jahresanzeiger. Die Dokumentation der Aufgänge der 18 hellsten Sterne des Nordhimmels ermöglicht bei Berücksichtigung der Präzession eine Altersbestimmung der Anlage von 2450 v.Chr. Selbst Hinweise auf die Präzession werden diskutiert.
Hier verbinden sich Geometrie, Himmelsbeobachtung und religiöse Symbolik zu einem komplexen Gesamtsystem.

Erkenntnisse und Bedeutung
Die Archäoastronomie zeigt, dass frühe Kulturen den Himmel seit sehr langer Zeit aufmerksam beobachteten. Sie erkannten wiederkehrende Zyklen von Tag, Monat und Jahr, entwickelten abstrakte Konzepte wie die Kardinalrichtungen und integrierten astronomisches Wissen in Mythologie, Kult und gesellschaftliche Ordnung.
Damit eröffnet die Archäoastronomie wertvolle Einblicke in die geistige Entwicklung früher Gesellschaften – und in die tiefe, symbolische Verbindung zwischen Mensch und Kosmos.
Für weiterführende Erkenntnisse empfiehlt sich das Buch von Roland Gröber (Bestellung per Email)
